Georges Rouault
Der Künstler als trauriger Clown

Der Künstler als trauriger Clown

Ausstellung vom Nov. 2012 bis April 2013

Georges Rouault (1871 - 1958) war eine singuläre Erscheinung in seiner Zeit, sein Werk lässt sich keiner Stilrichtung zuordnen. Rouaults Bilder und Graphiken sind auch innerhalb der ehemaligen Sammlung von Arthur und Hedy Hahnloser einzigartig. Sie mögen aufs Erste schwerer zugänglich wirken als die Arbeiten eines Bonnard oder Vallotton, wer sich aber in sie vertieft, wird eine künstlerische Sprache kennen lernen, die grundsätzliche Fragen des Menschseins in der Spanne von Glück und Tragik berührt und dafür eigene Farben und Formen gefunden hat. Seit den Präsentationen in Fribourg und in Lugano in den Jahren 1992 und 1997 war Rouaults Werk in der Schweiz nicht mehr zu sehen. Die Ausstellung in der Villa Flora will nun wieder auf diesen einmaligen Künstler aufmerksam machen. Den Kernbestand bilden Rouaults Arbeiten aus der eigenen Sammlung. Es kommen aber auch bedeutende Leihgaben aus dem Kunsthaus Zürich und der Stiftung Im Obersteg (Depositum im Kunstmuseum Basel) dazu. Die Ausstellung wurde von der Fondation Georges Rouault in Paris mit wichtigen Dokumentationen unterstützt. Und wie schon mehrmals zuvor, flicht auch dieses Mal ein Gegenwartskünstler - der mit Rouaults Werk vertraute Peter Radelfinger - eine Intervention in die Ausstellung ein.

Clowns, Narren, Harlekins

Rouault machte eine prägende Begegnung mit einem alten Clown, der müde und traurig vor seinem Wohnwagen sass. In ihm erkannte er sich wieder. Fortan erscheint der Clown in verschiedenen Rollen als Zirkusclown mit der Trommel, als tragischer Mime und als weiser Narr. 

Tête de clown tragique (um 1904/1905)
Kunsthaus Zürich, Schenkung Dr. Max Bangerter
Foto: Kunsthaus Zürich

«Pitre, dit aussi: Tragédien» (1911)
Privatsammlung
Foto: Reto Pedrini, Zürich

«Le Père X» (1911)
Hahnloser/Jaeggli Stiftung, Winterthur
Foto: Reto Pedrini, Zürich

Georges Rouault:
«Autoportrait» (1926)
Privatsammlung Villa Flora Winterthur
Foto: Reto Pedrini, Zürich

Christus als Clown

Der Clown erscheint in Rouaults Werk als Symbolgestalt. So sieht er denn - den Bogen weit spannend - auch in der Figur von Christus einen Narren, jenen Menschen nämlich, der sich wie kein anderer durch seine wahre Rede vor den anderen zum Gespött machte. In diesem Kontext angesiedelt sind Rouaults Darstellungen des "Heiligen Gesichts".

«La Sainte Face» (um 1912)
Privatsammlung Villa Flora Winterthur
Foto: Reto Pedrini, Zürich

Der Richter als Clown

Einen spannenden Gegenpol dazu entwirft Rouault mit den Darstellungen von Gerichtsszenen. Sich allein der höchsten göttlichen Instanz verpflichtet, fand er sich nie mit der Tatsache ab, dass Menschen über andere ihr Urteil sprechen. Gleichwohl konnte er sich einer Faszination für die Welt des Gerichts nicht erwehren und zeigte immer wieder Advokaten in ihren roten Gewändern.

«La cour» (1908)
Privatsammlung
Foto: Reto Pedrini, Zürich

Dirnen und Badende

Darstellungen von Prostituierten sind in Rouaults Frühwerk häufig. Zur Besonderheit von Rouaults Darstellungen gehört seine Auffassung der Dirnen als anonyme Vertreterinnen eines Typus. Genauso unpersönlich geht er das Thema der Badenden an. Hier findet er, geprägt von der Auseinandersetzung mit Cézanne zu einer neuen Auffassung des Körpers als Spiel von Volumen und Proportionen.

«Fille..» (1905)
Privatsammlung
Foto: Prolith AG, Urtenen-Schönbühl

Arbeiterinnen und Zirkusartisten

Rouault war fähig, sich in den anderen Menschen einzufühlen. Er zeigte sich tief berührt und persönlich betroffen vom Schicksal der gesellschaftlichen Aussenseiter wie den Zirkusartisten oder den Dirnen, aber auch vom oft entbehrungsreichen Dasein der Vertreter der Arbeiterklasse.

«Ouvrière» (1911)
Stiftung Im Obersteg, Depositum im Kunstmuseum Basel 2004
Foto: Marc Gisler, Müllheim

Die Landschaft als Vision

Eine Reihe grossformatiger Landschaften - darunter das eindrückliche Bild "Paysage (à la voile rouge)" - belegen Rouaults Ausdruckskraft in dieser Gattung. Seine Landschaften haben etwas Visionäres.

«Paysage (à la voile rouge)» (1939)
Stiftung Im Obersteg (Depositum Kunstmuseum Basel)
Foto: Mark Gisler, Mühlheim

Rouault und das Kunsthandwerk

Angeregt vom Kunsthändler Ambroise Vollard betätigte sich Rouault auch als Entwerfer von Gebrauchsgegenständen wie kleinen Tellern, Platten oder Schüsseln. Im Keramikmeister André Methey fand er einen kongenialen Mitgestalter.

«Les trois clowns» (1912)
Keramik, (rund) 34 cm, Privatsammlung Villa Flora Winterthur
Foto: Reto Pedrini, Zürich

Peter Radelfinger

Als eine Intervention aus der heutigen Zeit versteht sich Peter Radelfingers dreiteilige Serie mit animierten Zeichnungen aus dem Zyklus "Die Suche nach dem Ende der Suche", ab 2010. Er nimmt mit den "A-Anima"-Gesichtern in humorvoll - tiefgründiger Weise Bezug auf die Kunst Georges Rouaults, die ihn seit seiner Jugend interessiert. Mit der Thematik des Gesichts als Gegenüber, das beim heutigen Künstler zum elektronischen Gerät, dem ständigen Vis-à-vis des Users mutiert ist, übersetzt er die sakrale Ebene ins Profane. Die Dreiteiligkeit der Arbeit spielt aber auch auf die Tradition der Sakralform des Triptychons an.
Mehr Informationen dazu im Leporello zur Ausstellung.

Radelfinger, Peter
3 Animationen AAnima, 360_1 / 360_2 / 360_3 (hier nur Ausschnitt)
aus dem Zyklus «Die Suche nach dem Ende der Suche» (2010/2012)
3 Flachbildschirme (digitale Fotorahmen), je 30, B: 25 cm
Im Besitz des Künstlers

Frame aus Animation von Peter Radelfinger


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