Sehnsucht & Erfüllung

Maillol und Lehmbruck in der Villa Flora

Ausstellung (Past exhibition)
vom 17. April bis 22. August 2010

Einführung

Für einmal stehen Skulpturen im Zentrum einer Ausstellung der Villa Flora. Den Ausgangspunkt der Schau bilden Werke von Aristide Maillol (1861 – 1944) die sich in der Sammlung Hahnloser/Jaeggli befinden. Bereits im Jahr 1913 kauften Arthur und Hedy Hahnloser vier Maillol-Plastiken beim Kunsthändler Ambroise Vollard. Bis ins Jahr 1930 erstanden sie in der Galerie Eugène Druet weitere Plastiken und Zeichnungen, die in den verschiedensten Techniken ausgeführt sind. Den Werken von Maillol werden Plastiken, Bilder und Zeichnungen von Wilhelm Lehmbruck (1881 – 1919) gegenübergestellt. Als erster Ausstellungsort in der Schweiz wird die Villa Flora sich auf den Dialog zwischen Maillol und Lehmbruck konzentrieren. Das Nebeneinander ihrer Werke – wie es bereits 2006 in Duisburg und 2008 in Paris zu sehen war - mag die Berührungspunkte in ihrem Schaffen bewusst machen, genauso wie Unterschiede in der Mentaliät, der künstlerischen Auffassung und der Ausdrucksweise. Maillols Werke gehörten zu den prägenden Eindrücken für den jungen Lehmbruck, beide haben aus ähnlichen kunsthistorischen Quellen geschöpft, beiden bot der weibliche Körper Bezugspunkt schlechthin, beide haben auf je eigene Art das Bild des Menschen befragt und für ihre Zeit formuliert.

Maillol, der vielseitige Gestalter

Als Maillol um 1905 zu internationaler Anerkennung gelangte, zählte er schon über vierzig Jahre. Kleine, in ihrer tänzerischen Rhythmik und in ihrer inneren Harmonie überzeugende Statuetten, die der Kunsthändler Ambroise Vollard in Bronze-Editionen herausgab, festigten seinen Ruf als bemerkenswerten Neuerer. Zu den Bewunderern gehörten auch die mit Maillol befreundeten Künstler aus dem Nabiskreis wie Bonnard, Vuillard und Vallotton.

Maillol begann seinen künstlerischen Weg aber nicht als Plastiker, sondern als Maler. Davon zeugen die beiden Bilder „L‘enfant couronné“ und „Les deux jeunes filles“. Angeregt durch die Malerei von Puvis de Chavannes, wesentlich motiviert aber auch durch den Austausch mit den gleichgesinnten Nabiskünstlern - allen voran mit Maurice Denis - glückten ihm Werke, in denen sich symbolische Anspielungen und der Sinn für Dekoration die Waage halten. Wie seine Freunde kümmerte sich auch Maillol nicht um die Grenzen zwischen angewandter und freier Kunst. Die grosse Vase mag von seinem überragenden Können auch in diesem Medium zeugen. Das Vasen-Motiv der Leda stellt eine Verbindung her zur gleichnamigen Bronzefigur. Zu seinen frühesten Werken als Plastiker gehören die selten gezeigten Terrakottafiguren. In der „Baigneuse debout, avec linge“ widerspiegeln sich die zahlreichen Anregungen, die Maillol nicht nur aus der griechischen Antike, sondern auch aus der ägyptischen und indischen Kunst empfing.

Lehmbruck und das Thema von Mutter und Kind

Lehmbruck, bekannt für seine stelenartigen, introvertierten Figuren, konnte sich in der Zeit seines künstlerischen Aufbruchs auch ganz anders ausdrücken: er schuf heitere und lebensvolle rundplastische Figuren. Die Werke zeugen von einer ersten erfüllten Schaffensphase, die er noch in Duisburg als bereits international geschätzter junger Plastiker, und dann vor allem in Paris von 1910 bis 1914 durchlebte. Hier stand er in Kontakt mit den namhaften Künstlern seiner Zeit. Die damals auf allen wichtigen Ausstellungen zu sehenden Werke von Auguste Rodin und Maillol blieben nicht ohne Wirkung auf ihn. Die Frage nach einer zeitgemässen Definition des Menschenbildes beschäftigte sie alle. Wie Maillol in seiner Partnerin Clotilde, fand auch Lehmbruck eine Zeit lang in seiner Frau Anita das ideale Modell. In ihr erfüllte sich seine Vorstellung der Frau als Muse und Mutter. 1907 schuf er das allseitig differenziert ausgearbeitete Bronzewerk der kauernden Mutter, die in den Armen beschützend ihr Kind hält. Der Bronze „Sitzender Knabe“ stand der erstgeborene Sohn Gustav Wilhelm Pate. Bemerkenswert ist bei diesen genau beobachteten Figuren, dass sie bei näherem Hinschauen keine Realität abbilden, sondern einer inneren Vorstellung des Künstlers verpflichtet sind und die Frau und das Kind typenhaft zeigen.

Maillol und Lehmbruck als Zeichner

Maillol zeichnete unentwegt, sei es vor dem Modell oder aus der Vorstellung. Auch wenn er schnell und viel zeichnete, konnte er sich vom einzelnen Blatt nur schwer trennen. Es diente ihm als Gedächtnisstütze, als Vermittler zwischen Modell und Plastik, oder einfach als Konzentrat einer Stimmung, eines Erlebnisses. Oft haben die Zeichnungen in verschiedenen Techniken - mit Rötel, Bleistift oder Kohle - eine malerische Wirkung.

Auch Lehmbruck widmete sich in seinen Zeichnungen aussschliesslich der Gestalt des Menschen, bis 1914 vorwiegend dem Frauenkörper, danach mehrheitlich der männlichen Gestalt. Lehmbruck hatte seinen Block nicht immer dabei, er zeichnete vornehmlich im Atelier. Lehmbruck umreisst seine Figuren oft nur vage, er öffnet den Kontur für den Blattgrund, macht den Körper durchlässig für die Umgebung, so dass sich die von uns abgewendeten Figuren aufzulösen scheinen, sich verflüchtigen, sich unserem Blick entziehen.

Die Frau als Venus

Maillol arbeitete über siebzehn Jahre an der grossen Figur „Vénus au collier“, die er für seine Auftraggeber Arthur und Hedy Hahnloser schuf. Sind ihm Werke wie „Pomone“ und „L‘Eté“, die im Garten der Villa Flora prominent platziert sind, schnell von der Hand gegangen, durchliefen die Werke der reifen Schaffensphase oft langwierige Prozesse mit grossen Veränderungen. Ähnlich wie Lehmbruck strebte auch Maillol immer mehr danach, mit seinen Werken einer Idee Ausdruck zu verleihen. Mit der „Vénus au collier“ huldigt er einmal mehr seiner Vorstellung der Frau als üppige, vitale Schönheit. Mit der Perlenkette wollte er nach eigener Aussage auch der Koketterie und Eitelkeit der Frau Ausdruck geben. Im Grunde sind alle seine Figuren, auch die stolz aufrecht stehende Terrakottafigur der „Baigneuse debout“ Übersetzungen seiner ursprünglichen Idee der Liebesgöttin.

Lehmbrucks „Grosse Stehende“ verkörpert ebenfalls eine Idealgestalt und Venusfigur. Auch er bezieht sich mit den harmonischen Proportionen ihres vollen Körpers auf die Tradition eines intakten Menschenbildes, wie es die Renaissance und hier insbesondere Michelangelo, dem sowohl von Maillol wie von Lehmbruck bewunderten Vorbild, hervorbrachte. Die schlanke Gestalt der „Kleinen stehenden Figur“ belegt zum ersten Mal Lehmbrucks Tendenz zur Verlängung der Gliedmasse. Die „Badende“, mit der Lehmbruck auf die biblische Geschichte der „Susanna im Bade“ anspielt, präsentiert sich uns in der Pose des sich scheu abwendenden ‚Venus pudica‘. Während Maillol ein paradiesisches Frauenbild heraufbeschwört, sind Lehmbrucks Göttinnen aus Arkadien Vertriebene und verkörpern mit Bildfiguren wie „Medea“ oder „Kleopatra“ tragische Gestalten.

Lehmbrucks Weiblicher Torso

Im Jahr 1918, also ein Jahr vor seinem Freitod, scheint Lehmbruck zu einer neuen Ausdrucksweise zu finden. Er konzentriert die Aussage von vornherein auf den Torso der Frau, dessen Beine und Arme auseinanderstreben. Der Ausdruck einer inneren Zerrissenheit wird durch die leicht aufgerauhte Oberflächenbehandlung noch verstärkt. Hier huldigt Lehmbruck keiner Idealvorstellung mehr. Zu tief haben ihn die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges und die eigenen nagenden Zweifel verunsichert und deprimiert.

Lehmbruck, auch er in den glücklichen Pariser Jahren von idealen Vorstellungen der menschlichen Gestalt ausgehend, bricht nun damit und zeigt den inneren Zwiespalt des am Widerspruch von Idee und Trieb verzweifelnden Menschen.

Maillols Streben nach Einheit von Figur und Landschaft

Von der Veranda aus sieht man in den Garten, wo die Maillol-Figuren „L‘Eté“ und „Pomone“ den Blick auf sich lenken. Der vom Architekten Rittmeyer geometrisch angelegte Garten ist auf die möglichst stimmige Präsentation der Maillolwerke ausgerichtet. Der Meister selbst war 1933 bei seinem Besuch in Winterthur begeistert von ihrem Standort. Die beiden Figuren haben wesentlich zu Maillols internationalem Ansehen beigetragen. Sie entsprechen einem idealen Menschenbild, das mit der sie umgebenen Natur zur Einheit verschmilzt.

Der Katalog gibt Ihnen zu allen Werken und ihren zeitgeschichtlichen Zusammenhängen vertiefte Informationen.

Angelika Affentranger-Kirchrath
Kuratorin Villa Flora



Gut zu wissen

Seit Ende April 2014 ist in der Villa Flora Winterthur der bisherige Ausstellungsbetrieb vorübergehend eingestellt. Die bedeutenden Werke aus Winterthur werden nun auf einer Tournee in namhaften Museen Europas gezeigt.
Anstelle der Ausstellungen werden zahlreiche Veranstaltungen durchgeführt.
Zudem besteht die Möglichkeit, in der Villa Flora für private und geschäftliche Anlässe Räume zu mieten.
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Aristide Maillol (1861–1944)
Enfant couronné, 1892
Öl auf Leinwand
Fondation Dina Vierny –
Musée Maillol, Paris
Aristide Maillol (1861–1944)
Léda, um 1900/1902, Bronze
Ehemalige Sammlung Arthur und Hedy Hahnloser-Bühler, Privatsammlung
Aristide Maillol (1861–1944)
Baigneuse debout, avec linge,
um 1899, Kolorierte Terrakotta
Ehemalige Sammlung Arthur und Hedy Hahnloser-Bühler, Privatsammlung
Wilhelm Lehmbruck (1881–1919)
Mutter und Kind, 1907, Bronze
SWLM: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum
Wilhelm Lehmbruck (1881–1919)
Kriechendes Kind, 1910
Bronze, Nachlass
Wilhelm Lehmbruck (1881–1919)
Geneigter Frauenkopf, um 1913/14
Öl/Tempera auf Leinwand
SWLM: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum
Aristide Maillol (1861–1944)
Nu debout de face, tenant un drap sur le bras droit
Rötelzeichnung
Ehemalige Sammlung Arthur und Hedy Hahnloser-Bühler, Privatsammlung
Wilhelm Lehmbruck (1881–1919)
Leda (weiblicher Rückenakt), 1911
Farbige Kreiden (Pastell)
SWLM: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum
Wilhelm Lehmbruck (1881–1919)
Stehende weibliche Figur, 1910
Hartgipsguss
SWLM: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum
Wilhelm Lehmbruck (1881–1919)
Kleine stehende weibliche Figur,
1908, Bronze
SWLM: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum
Wilhelm Lehmbruck (1881–1919)
Weiblicher Torso, 1918
Bronze, Nachlass
Aristide Maillol (1861–1944)
Pomone, 1910/11, Bronze
Hahnloser/Jaeggli Stiftung
Design & Programmierung www.b-line.ch