Die Seele einer Zuckerdose

Stillleben und Interieurs in der Villa Flora

Ausstellung (Past Exhibition)
25. Oktober 2008 bis 20. September 2009

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Die Villa Flora stellt in ihrer Ausstellung das Stillleben ins Zentrum. Blumen und Früchte, auf den Tisch gelegt, bieten dem Auge des Betrachters Genuss und Sinnenfreude. Die Künstler hingegen entdeckten oft gerade in dieser Bildgattung eine besondere gestalterische Herausforderung und strebten weit mehr als die repräsentative Darstellung an. Sie alle Bonnard, Cézanne, Matisse, Manguin, Renoir, Redon, Vuillard u.a., die mit wunderbaren Arbeiten in unserer Ausstellung vertreten sind, trachteten danach, die Dinge und Pflanzen in ihrem Wesen zu erfassen und ihre Empfindung zu ihnen mitzumalen. Cézanne sprach sogar einer Zuckerdose eine Seele zu. Er hat sich in die Dinge hinein verfügt und aus seiner inneren Erfahrung eine neue Bildordnung geschaffen. Der Versuch, im Bild eine Entsprechung zur Wirklichkeit zu entwerfen und so das Sehen zum schöpferischen Akt zu erklären, bestimmt zentral auch die Stillleben von Bonnard und Vuillard. Nicht um «nature morte», sondern um «nature vivante» geht es da. Erst recht beseelt wirken die Stillleben, wenn sie in Interieurs integriert sind und mit den Menschen und Tieren eine geheimnisvolle Zwiesprache führen.

Das stilvoll stille Leben erfüllt den ganzen Ausstellungsort. Die Villa Flora, die mit dem Garten und der Sammlung ein einmaliges Gesamtkunstwerk bildet, das über Generationen hinweg lebendig erhalten blieb, wird ebenfalls prominent thematisiert. Das von den namhaften Architekten Robert Rittmeyer und Walter Furrer 1907/08 für das Winterthurer Sammlerpaar Hedy und Arthur Hahnloser umgebaute und erweiterte Gebäude interessiert genauso wie die liebevollen Details der Innenausstattung - auch sie sind beseelte Zeitzeugnisse, die bis heute nichts von ihrem Zauber eingebüsst haben.

Als wäre schon der Name des Hauses ein Vorbote: Flora suggeriert die Vorstellung bunt blühender Blumen. So liegt denn eine Ausstellung mit Stillleben, den Arrangements von Blumen, Früchten und ausgewählten Dingen nahe – dies auch deshalb, weil die Sammlung Hahnloser-Jaeggli schönste Beispiele dieser Gattung bereit hält.

Werke von Bonnard, Cézanne, Manguin, Matisse, Redon, Renoir, Vuillard und Vallotton aus dem eigenen Bestand sowie Leihgaben aus dem Kunstmuseum Winterthur, dem Museum Langmatt in Baden, dem Museum Bellerive in Zürich, dem Gewerbemuseum Winterthur und aus Privatbesitz bereichern unsere Schau. Sie zeigen, welche Herausforderung die Künstler in dieser Gattung für sich erkannten. Von Auftraggebern unabhängig, entdeckten sie hier ein besonderes Experimentierfeld und fanden Möglichkeiten, ihrer inneren Beziehung zu den Dingen, ihrer Empfindung für sie, einen Ausdruck zu verleihen. Wie Cézanne waren auch die anderen Künstler von der Beseelung der Dinge überzeugt und näherten sich in ihren Werken dem «Wesen» einer Zuckerdose oder einer Teetasse an. Auch das Interieur, verstanden als ein in den Raum erweitertes Stillleben, entfaltet sich in Bildern von Bonnard, Matisse und Vuillard. Das stilvoll stille Leben erfüllt den ganzen Ausstellungsort. Die Villa Flora, die mit dem Garten und der Sammlung ein einmaliges Gesamtkunstwerk bildet, das über Generationen hinweg lebendig erhalten blieb, wird ebenfalls prominent thematisiert. Abb. 2 Villa Flora, Interieur

Pierre Bonnard erkennt in der Gattung des Stilllebens seine eigentliche Herausforderung. Er ist denn auch in unserer Ausstellung mit den meisten Werken vertreten. Wie kein anderer wagt er die persönliche Sicht auf die Dinge. Seinem Verlangen, alles so unmittelbar zu sehen, wie wenn man einen Raum betritt, entsprechen die akademischen Regeln nicht mehr. Bonnard macht die Wahrnehmung selbst zum Thema. Er findet in der japanischen Kunst, die eine bewegte Mehransichtigkeit im Bild erlaubt, wichtige Anregungen.

Im Werk „La tasse bleue“ (1907) (Abb. 3) scheint die blaue Tasse auf dem nur angedeuteten Tisch zu schweben. Wunderbar ausgewogen und strahlend wirken die Farben auch in anderen kleinformatigen Stillleben wie „Les serviettes“ (1909) oder „Nature morte aux pêches ou Nature morte sous la lampe“ (1919). Fast monumental hingegen nimmt sich das Werk „Le pot provençal“ (1930) (Abb.4) aus. Die bauchige Vase mit ihren warmen Farben bestimmt das Zentrum des Bildes. Der Strauss, den Bonnard von Hedy Hahnloser bekommen hat, zeigt neben blühenden Blumen auch verwelkte Stengel, die bizarr in den Bildraum ragen und die Flüchtigkeit der Zeit antönen. Dieser Eindruck wird durch den wie zufällig ins Bild geratenen, schlanken Frauenarm spannungsvoll verstärkt.

Cézanne – ein Fixpunkt für die Maler seiner eigenen und aller folgenden Generationen – fand im Stillleben zur Quintessenz seiner Aussage. Äpfel, Schalen, drapierte Tischdecken und eine bauchige Zuckerdose bilden die unermüdlich variierten Requisiten für seine Werke. In geduldiger Arbeit und mit der Präzision eines Mathematikers übersetzte er die von den Dingen abgeleiteten Sehdaten in Bilddaten und nannte diesen konzentrierten Vorgang „realisieren“. Wie es das Stillleben „Fruits et boîte à poudre“ (1876 – 1878) (Abb.5) zeigt, ging es ihm dabei nicht um ein Abbild der äusseren Erscheinungsform. Mit jedem Bild erforschte er das Wesen der Dinge neu und war überzeugt von deren Beseeltheit.

Die beiden Stillleben von Vuillard „Nature morte à la cruche d’étain“ (1888) (Abb. 6) und „Le vase bleu“ (um 1930) (Abb. 7) verdeutlichen, wie genau der Nabiskünstler Cézannes Bildbau studiert hatte. Gleichzeitig findet sich in ihnen aber auch Vuillards ganz eigene Bildaussage, die sich weniger aus dem einzelnen Gegenstand ableiten lässt, als vielmehr aus dem Verhältnis der Dinge zueinander. Spontaner scheint da der Ansatz von Henri Manguin. Auch für ihn war Cézannes Kompositionsweise wegweisend. Gleichzeitig kommt bei ihm aber auch eine fast barocke Bildlust zum tragen. Im Werk „Nature morte aux faisans bleus“ (1909) (Abb.8) verbindet er Nah- und Fernsicht, Innen- und Aussenraum. Das Bild ist bei ihm immer auch Dekoration auf höchster Ebene. Oft lässt er sich vom aperçuartigen Moment hinreissen. Im Werk „Les asperges“ (1913 – 1914)nimmt er ein grünes Weinglas aus dem Haushalt seiner Winterthurer-Gastgeber ins Bild auf - gleichsam als ein Beleg der Freundschaft.

Streng überlegt hingegen wirkt der Bildbau im Werk von Matisse. In „Pot d’ètain“ (1917) (Abb. 9) platziert er einen Zinnkrug prominent und versteht diesen als europäischen Kulturträger, den er in mehreren Stillleben variiert.

Adolphe Monticelli, ein Geheimtipp unter den Malern der eigenen und nachfolgenden Generation, hat mit seinem dunklen, fast reliefartigen Farbauftrag einen eigenen Malstil entwickelt. Im Bild „Les roses et anémones“ (undatiert) schälen sich Ding und Mensch nur vage aus den Farbschichten heraus. Offensichtlich will er keine Gegenstände bezeichnen, sondern eine Stimmung in meist lyrisch melancholischen Klangfarben suggerieren. In diesem Anliegen wird er für Odilon Redon wichtig, der in seinen Bildern einen «état de l’âme» zu beschwören sucht. In Redons reifem Werk spielt das Stillleben eine zentrale Rolle. Sowohl im Bild „Le vase turquoise“ (um 1910) (Abb. 10) wie in „Fleurs des champs“ (um 1905 – 1908) steht eine blaue Vase im Zentrum. Das Blau in seinen vielen Nuancen lässt sich mit Wasser und Himmel in Verbindung bringen, es symbolisiert aber auch das Gefühl der Sehnsucht und den Zustand der Seele. Im Bild „Le rêve ou La pensée“ (um 1908) sprengt Redon die Grenzen der Gattung. Er verteilt die Blütenblätter ornamentartig über die Bildfläche. Mit dem zarten, sich als Silhouette abzeichnenden Frauenprofil wird sein Stillleben vollends zum imaginären Traumbild erweitert. Renoir hingegen empfängt seine Impulse aus dem gelebten und geschauten Augenblick. Die aus dem Garten geholten Blumen inspirieren ihn zum Bild „Glaieuls et dahlias“ (1918), die beiläufig auf einen Tisch gestellte Zuckerdose wird im Werk „Sucrier et timbale“ (1910) (Abb. 11) in einen Farben- und Lichtzauber übersetzt.

Wenn Künstler wie Bonnard, Matisse oder Vuillard ihre Stillleben in die Gattung des Interieurs erweitern, entfalten sie ihr ganzes malerisches Können. Ob sich Menschen bei einer Teegesellschaft am Tisch versammeln (wie in Bonnards „Le thé, 1917 oder in „Le compotier aux oranges“, um 1912 s. Abb. 1), ob sich eine schöne Nackte im Spiegel betrachtet (wie in Bonnards „Nu au couvre-pieds“, 1911, oder „Effet de glace ou Le tub“, 1909) - die selbstverständlich an ihrem Platz ausharrenden Dinge erscheinen überall wie die Vermittler zwischen Betrachter und Bildfigur.

In Bonnards Darstellungen übernehmen oft auch Tiere eine wichtige Rolle. Der Hund tritt besonders häufig als Gefährte des Menschen auf. Er beobachtet diesen aufmerksam wie in „La nappe à carreaux rouges ou Le déjeuner du chien“ (1910), oder er fügt sich gelassen ein in den stillen Raum wie in „Interieur: le chien Black et bouquet de lilas“ (1908), dann wieder wird er zum verträumten Begleiter wie in „La carafe provençale“ (1915) (Abb.12). Manchmal erscheint das Tier auch mit seinem ureigenen Schalk, so die Katze in „La bouillabaisse“ (um 1910) (Abb. 13).Neben der toten Hummer wirkt sie umso lebendiger, beseelter eben.

Manguin genoss die Aufenthalte in der Flora. Er partizipierte am Familienleben und hielt die häuslichen Szenen in seinen Bildern fest. Im Gemälde „Le thé à la Flora“ (1912) (Abb. 14) sitzen Manguins Frau mit der Gastgeberin Hedy Hahnloser bei der nachmittäglichen Teestunde im Garten.

Von der Veranda aus öffnet sich der Blick auch in unserer Ausstellung auf die 1916 nach Plänen von Rittmeyer gestaltete Parkanlage.

Die Videoarbeit „Vanitas II“ (2007) von Judith Albert stösst ein weiteres Fenster auf, ein Zeitfenster, das in die unmittelbare Gegenwart des 21. Jahrhundert führt. Alberts Arbeit belegt, wie tiefgründig und poetisch eine junge Künstlerin das Thema des Stilllebens aufgreift. Der bewegte Malduktus eines Bonnard ist hier in die Bewegung der Videobilder übersetzt.

(Abb. 15 Hedy Hahnloser im Oberlichtsaal)

23. März 2009: Auswechslung einiger Werke

Die Leihgaben aus dem Kunstmuseum Winterthur - darunter so namhafte Bilder wie Bonnards „La tasse bleue“, „L’abat jour orangé ou Souper à l’abat-jour“ (1908) oder Redons „Fleurs des champs“ und Vuillards „La liseuse“ (um 1910) werden unsere Ausstellung bis zum 22. März bereichern. Sie können in der Villa Flora mit ihrer besonderen Atmosphäre neu wahrgenommen werden. Danach bietet sich die Möglichkeit zu einer Umhängung mit ebenfalls hochkarätigen Werken wie Bonnards „Les pois de senteur“ (1912), Redons „Le rêve ou La pensée“ (1908) und dem Meisterwerk von Vuillard „La partie de dames“ (1906). Zudem erwartet den Besucher als spezielle Überraschung die für den Garten der Villa Flora geschaffene Arbeit „Das Glashaus“ (2009) der Videokünstlerin Ursula Palla.

Angelika Affentranger-Kirchrath
Kuratorin der Ausstellung

Zur Ausstellung erscheint ein reich bebildeter Katalog:
Angelika Affentranger-Kirchrath
Die Seele einer Zuckerdose
Stillleben und Interieurs in der Villa Flora

mit einem Beitrag von Henriette Hahnloser
104 Seiten, 63 farbige und 18 sw Abbildungen,
23 x 28 cm, Klappenbroschur
CHF 38.– / € 24.–
Benteli Verlag (Bern, Sulgen, Zürich)
ISBN 978-7165-1549-5

Erhältlich an der Museumskasse der Villa Flora, in unserem Internetshop (Shop) oder im Buchhandel.



Gut zu wissen

Seit Ende April 2014 ist in der Villa Flora Winterthur der bisherige Ausstellungsbetrieb vorübergehend eingestellt. Die bedeutenden Werke aus Winterthur werden nun auf einer Tournee in namhaften Museen Europas gezeigt.
Anstelle der Ausstellungen werden zahlreiche Veranstaltungen durchgeführt.
Zudem besteht die Möglichkeit, in der Villa Flora für private und geschäftliche Anlässe Räume zu mieten.
Werden Sie Mitglied des Trägervereins Flora und unterstützen Sie damit das Bestreben zur Wiedereröffnung der Villa Flora!

1 ) Pierre Bonnard
Le compotier aux oranges, um 1912
Hahnloser/Jaeggli Stiftung
2) ) Salon in der Villa Flora
nach einem Entwurf von Robert Rittmeyer, um 1908
3) Pierre Bonnard
La tasse bleue, 1907
Kunstmuseum Winterthur,
Geschenk Dr. Herbert & Charlotte Wolfer-de Armas, 1973
4) Pierre Bonnard
Le pot provençal, 1930
Ehemalige Sammlung Arthur & Hedy Hahnloser-Bühler, Privatsammlung
5) Paul Cézanne
Fruits et boîte à poudre, 1876–1878
Museum Langmatt Stiftung Langmatt Sidney & Jenny Brown, Baden/Schweiz
6) Edouard Vuillard
Nature morte à la cruche d'étain, 1888 Privatsammlung
7) Edouard Vuillard
Le vase bleu, um 1930
Ehemalige Sammlung Arthur & Hedy Hahnloser-Bühler, Privatsammlung
8) Henri Manguin
Nature morte aux faisans bleus, 1909
Ehemalige Sammlung Arthur & Hedy Hahnloser-Bühler, Privatsammlung
9) Henri Matisse
Pot d’étain, 1917
Ehemalige Sammlung Arthur & Hedy Hahnloser-Bühler, Privatsammlung
10) Odilon Redon
Le vase turquoise, um 1912
Ehemalige Sammlung Arthur & Hedy Hahnloser-Bühler, Privatsammlung
11) Pierre Auguste Renoir
Sucrier et timbale, 1910
Museum Langmatt Stiftung Langmatt Sidney & Jenny Brown, Baden/Schweiz
12) Pierre Bonnard
La carafe provençale, 1915
Hahnloser/Jaeggli Stiftung
13) Pierre Bonnard
La bouillbaisse, um 1910
Ehemalige Sammlung Arthur & Hedy Hahnloser-Bühler, Privatsammlung
Bild 14) Henri Manguin
Le thé à la Flora, 1912
Hahnloser/Jaeggli Stiftung
Bild15) Hedy Hahnloser-Bühler, im Oberlichtsaal der Villa Flora
fotografiert von Willy Maywald, um 1940
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