Vive la Peinture!

Von Bonnard bis Vallotton
Meisterwerke in der Villa Flora

Ausstellung (Past Exhibition)
vom 30. Oktober 2009 bis 5. April 2010

‚Vive la Peinture!’ - nur diese Worte sind auf einer Karte von Matisse an seinen Freund Bonnard zu lesen. Ein Jubelruf, ein Bekenntnis, eine Beschwörungsformel ? Wohl alles zusammen. Denn die Malerei bedeutete diesen beiden Künstlern eine Welt. Beide waren sie auch Zeichner und Plastiker, in der Malerei aber erkannten sie ihr wichtigstes Medium, das es ihnen erlaubte, ihre Empfindungen unmittelbar auszudrücken, sie aber auch zu reflektieren.

Vive la Peinture ! diesen Ausruf möchte man der ganzen Sammlung Hahnloser überschreiben. Die Vorliebe des Sammlerpaares Hedy und Arthur Hahnloser-Bühler galt der Malerei. Auch ihre Kollektion bietet „dem Auge ein Fest“ wie es bereits Delacroix mit seiner Malerei versprochen hatte.

Nach den Übersichtsausstellungen von 1995 und 2005 sind in den stimmungsvollen Räumen der Villa Flora noch einmal die Werke von Bonnard, Cézanne, Van Gogh, Hodler, Matisse, Manguin, Marquet, Rouault, Toulouse-Lautrec, Vuillard und Vallotton versammelt. In anderer Zusammenstellung, die wiederum spannende kunsthistorische Bezüge erlaubt, kommen sie überraschend neu zur Sprache.

Noch einmal also lassen wir die Malerei hochleben, bevor es dann im Jahr 2010 für eine weitere Ausstellungszeit heisst: Vive la sculpture! - dann nämlich stehen in der Villa Flora für einmal Skulpturen im Zentrum. Die Sammlung Hahnloser beinhaltet neben den Gemälden auch Plastiken von Rodin, Matisse, Renoir oder Bonnard. Am besten vertreten sind die Skulpturen von Maillol, die in der nächsten Ausstellung den Werken des deutschen Bildhauers Wilhelm Lehmbruck begegnen werden.

Die Ausstellung ‚Vive la Peinture ! Von Bonnard bis Vallotton - Meisterwerke in der Villa Flora’ fokussiert den Blick auf den Kernbestand der Sammlung, die Schau ‚Sinnlichkeit und Entzug - Aristide Maillol und Wilhelm Lehmbruck’ öffnet ihn und belegt gleichzeitig die Wandlungsfähigkeit der Villa Flora als musealer Ausstellungsort.

Im Salon, den die Winterthurer Architekten Rittmeyer /Furrer speziell für die Villa Flora entworfen haben, empfangen Bilder von Cézanne und Renoir den Besucher. Die Sammlung Hahnloser hat ihr Schwergewicht zwar bei den Künstlern der Nabisgruppe. Gleichzeitig aber umfasst sie einige auserlesene Werke aus deren Umfeld. Sowohl Cézanne wie Renoir bedeuteten den jüngeren Malern die Bezugspunkte schlechthin. Die in der Flora herbei geführte räumliche Nähe der Cézanne- und Renoirbilder macht bewusst, wie nahe sich die beiden auch ausdrucksmässig eine Zeit lang standen. Dank der Auseinandersetzung mit den Anliegen der Impressionisten konnte sich Cézanne von seiner frühen romantisierenden Ausdrucksweise befreien. Ein Werk wie ‚Les toits’, das den Blick über die skizzenhaft locker vermerkten, ziegelroten Dächer schweifen lässt, belegt die neue Ausrichtung Cézannes. Noch deutlicher spricht seine Erfahrung aus der gleissend hellen Landschaft ‚Plaine provençale’. Anders aber als die Impressionisten will Cézanne nicht die Augenblicklichkeit eines Seheindrucks erhaschen, er will die Dauer des Wahrgenommenen wiedergeben. Jeder Pinselduktus ist in den anderen verzahnt. Haus und Baum sind keine Aperçus, sondern konstruktive Elemente. Renoirs farbintensive Landschaftsbilder hingegen sind dem Augenblick und seiner Erscheinungshaftigkeit verpflichtet. Die kürzelhaft vermerkten Figuren sind in eine Textur farbiger Lichtgarben verwoben. Seine Malerei erscheint wie eine Art Allover, das die Ränder des Bildes in den Raum erweitern möchte. Die Landschaften Vuillards und Bonnards passen in diesen Kontext, sie sind präzise strukturiert wie Cézannes Werke. Gleichzeitig streben auch ihre Farben zum Licht wie bei Renoir.

Die Vitrinen versammeln druckgraphische Arbeiten der Künstlerfreunde Bonnard, Vuillard und Vallotton. Alle drei entdeckten ihre schöpferische Kraft als Graphiker im inspirierenden Umkreis der Zeitschrift Revue Blanche, dem damaligen Sprachrohr der Moderne.

Ferdinand Hodlers Gemälde ‚Jungfraumassiv und Schwarzmönch’ lenkt den Blick auf sich. Majestätisch erhebt sich die Gebirgskette. Genauso wie im Bild ‚Genfersee mit Blick auf die Savoyerberge’ ist die Topographie der Gegend definiert und trotzdem sind die Landschaften ins Absolute stilisiert und abstrahiert. Lyrischer wirken dagegen die Hodlerwerke ‚Blumen pflückendes Mädchen’ und ‚Rosenstrauch auf einer Wiese’. In diesen Bildern sind die symbolistischen Anklänge deutlich, die für diese frühe Schaffensphase Hodlers typisch ist. Im Werk ‚Studie zur Empfindung’ kommt auch sein musikalisch rhythmisches Verständnis zum Ausdruck, das genährt wurde durch seine Freundschaft mit dem Musiker Emil Jaques-Dalcroze. Das Studium der Musik inspirierte ihn zu seinen eurythmischen Darstellungen. In der Bewegung des Menschen übersetzte er die Gesetze der Natur und des Kosmos. Die Werke Hodlers sind früh in die Sammlung Hahnloser gelangt. Erst über die Vermittlung von Carl Montag und Cuno Amiet sind sie auf die französische Kunst aufmerksam geworden, die sie dann allerdings mehr als jede andere favorisierten. Wie die Antwort eines Gleichgesinnten muten Félix Vallottons Landschaften an. Auch sie zeugen von genauester Beobachtungsgabe und doch sind sie eigenwillige, einer Innenschau abgewonnene Erfindungen.

Der Gruppe der Nabis nahestehend und doch ganz anders im Ausdruck sind die Bilder der Künstlergruppe ‚Fauves’, deren Anführer Matisse war. Auch von ihnen gelangten repräsentative Werke in die Sammlung Hahnloser.

Matisse bringt im kleinen Bild ‚Cahier noir’ die Farbwerte seiner unverwechselbaren Palette subtil zum spielen. Das Fenster im Hotelzimmer von Nizza öffnet sich auf den Meeresstrand. Es hebt die Grenzen zwischen dem Innen- und Aussenraum auf und bringt auch die Grenzen der Gattungen zum fliessen. Ein leuchtendes Kolorit und ein kühner Blickwinkel bestimmen die Hafenszenen von Albert Marquet. Fast impressionistisch zart muten die Badeszenen von Henri Manguin an. Sie alle zog es in den Süden Frankreichs, wo sie Farbe und Licht im Überfluss fanden und als gestalterische Elemente in ihrer Kunst einsetzten. Wie die Nabis haben auch sie den Impressionismus überwunden und sind ihm gleichzeitig verbunden geblieben.

Auch von Maurice Denis, einem Nabiskünstler der ersten Stunde und dem Theoretiker der Gruppe, sind zwei Badeszenen zu sehen. Der dekorative Gestus der Arabeske verbindet die Figuren mit der Meerlandschaft zur nahtlosen Einheit.

Will man die Geschichte der modernen Malerei mit ihren Höhepunkten aufzeigen, darf Vincent van Gogh nicht fehlen. Sein Schaffen ist in der Sammlung repräsentiert durch das Bild ‚Der Sämann’. Mit diesem Motiv, das Van Gogh in einer ganzen Werkreihe variiert und vertieft, findet er zu seinem eigenen expressiv kontrollierten Ausdruck und zu seinem symbolischen Vokabular. Früheren Werken wie ‚Place des voitures’ oder ‚L‘ allée de Nuenen’ fehlt zwar noch die Strahlkraft des südlichen Lichts, die existentielle Aussage, die sich in der vereinzelten Gestalt konzentriert, ist aber schon für sie bestimmend. Die Auffassung des Menschen als Randfigur der Gesellschaft findet sich weiter in den Bildern von Georges Rouault. Auch er ist ein Skeptiker, auch er sucht verzweifelt nach Erlösung in einem neuen religiösen Empfinden. Er spannt seine Figuren ein in die Pole zwischen Clown und Christus, zwischen Hure und Madonna und bettet seine Comédie humaine in ein dunkeltoniges Kolorit. Diesen Vorstellungen nahe steht weiter Toulouse-Lautrec, der das Leben der Aussenseiter teilte. Die Geschöpfe seiner Bilder sind ihm vertraut: ausgesetzt und einsam in einer immer anonymer werdenden Gesellschaft.

Der repräsentative Oberlichtsaal des Hauses bringt die grossformatigen Gemälde der Sammlung zum klingen. Bonnards Blick auf seine Modelle bleibt derjenige eines Verliebten. Er zeigt die weiblichen Figuren – meist handelt es sich um seine Lebenspartnerin Marthe – im intimen häuslichen Rahmen, beim Waschen, vor dem Spiegel, beim Abstreifen der Bluse. Ihr Blick ist meist selbstversonnen. Die Gleichbehandlung von Figur und Grund macht die Gestalten für den Betrachter ungreifbar, sie sind zwar nackt, aber nie entblösst. Anders der Blick Vallottons auf seine Modelle. Sie faszinieren durch ihre Befremdlichkeit, sie sind zwar lebensecht, in körperlicher Fülle plastisch ins Bild gesetzt, gleichzeitig sind sie zu Stilfiguren gefroren. Wieder ganz anders, selbstbwusst und unnahbar, erscheint Manets ‚Amazone’. Die Frau ist hier als androgynenes Wesen aufgefasst, nicht mehr Objekt, sondern selbst Subjekt.

In den epischen Landschaftsdarstellungen beruft sich Bonnard mit Vorliebe auf antike Szenen, so auch im Gemälde ‚Les faunes’. Die faunischen Gestalten sind allerdings nur am unteren Bildrand, fast nebensächlich, ins Bild eingebunden. Wichtiger scheint die landschaftliche Auffassung, wichtiger die malerische Fragestellung.

Die Maillol- und Vallottonstatuetten nehmen das Thema der figürlichen Darstellung auf und übersetzen es ins Plastische. Sie verweisen dezent auf die nächste Ausstellung, in der die Plastiken von Aristide Maillol und Wilhelm Lehmbruck im Zentrum stehen werden.

‚Il faut vivre son temps’ – hat Hedy Hahnloser gefordert und dem Credo selbst nachgelebt. Wir wollen es mit ihr halten und ebenfalls eine Brücke in die Gegenwart unserer Zeit schlagen. Mario Sala, ein international bekannter, in Winterthur wohnhafter Künstler, öffnet ein Fenster in die heutige Malerei. Mit seinen Bildern schreibt er sich in die Tradition des Mediums Malerei ein, gleichzeitig versteht er die neuen Möglichkeiten zu nützen. Seine in Mischtechnik ausgeführten, vielschichtigen, in mehreren Verfahrensschritten geschaffenen Bilder weisen oft eine reliefartige Struktur auf, die sie als Objekte erscheinen lässt. Mehrere Szenen sind im Bild verdichtet, so dass auch ohne Geschichte erzählt wird. Die rätselvolle Mehrdeutigkeit fordert uns heraus, ähnlich wie sie uns schon in den Bildern Bonnards, Vallottons und Vuillards zu fesseln vermochte.

Angelika Affentranger-Kirchrath
Kuratorin Villa Flora



Gut zu wissen

Seit Ende April 2014 ist in der Villa Flora Winterthur der bisherige Ausstellungsbetrieb vorübergehend eingestellt. Die bedeutenden Werke aus Winterthur werden nun auf einer Tournee in namhaften Museen Europas gezeigt.
Anstelle der Ausstellungen werden zahlreiche Veranstaltungen durchgeführt.
Zudem besteht die Möglichkeit, in der Villa Flora für private und geschäftliche Anlässe Räume zu mieten.
Werden Sie Mitglied des Trägervereins Flora und unterstützen Sie damit das Bestreben zur Wiedereröffnung der Villa Flora!

Pierre Auguste Renoir (1841 - 1919)
Paysage avec figure, 1910 - 1912
Öl auf Leinwand, 46 x 56 cm
Bez. unten links: Renoir
Hahnloser/Jaeggli Stiftung
Villa Flora Winterthur
Paul Cézanne (1839 - 1906)
Les toits, um 1877
Öl auf Leinwand , 50 x 60 cm
Unbezeichnet
Privatbesitz
Edouard Vuillard (1868 - 1940)
Mont Chevalier à Cannes, um 1899
Öl auf Karton, 54 x 60,5cm
Bez. unten rechts: E. Vuillard
Privatbesitz
Ferdinand Hodler (1853 - 1918)
Jungfraumassiv und Schwarzmönch, 1911
Öl auf Leinwand, 73 x 92 cm
Bez. unten rechts: F. Hodler 1911
Hahnloser /Jaeggli Stiftung
Villa Flora Winterthur
Félix Vallotton (1865 - 1925)
L’Estérel et la baie de Cannes, 1925
Öl auf Leinwand, 54 x 65 cm
Bez. unten links: F. Vallotton. 25
Privatbesitz
Henri Matisse (1869 - 1954)
Nice, cahier noir, 1918
Öl auf Leinwand, 33 x 40,7 cm
Bez. unten links: Henri Matisse
Privatbesitz
Albert Marquet (1875 – 1947)
La fête nationale au Havre, 1906
Öl auf Leinwand, 65 x 81 cm
Bez. unten rechts: Marquet
Privatbesitz
bis 10. Januar 2010:
(18) Vincent Van Gogh (1853 - 1890)
Le semeur, 1888
Öl auf Leinwand, 72 x 92 cm
Unbezeichnet
Hahnloser /Jaeggli Stiftung
Villa Flora Winterthur
ab 12. Januar 2010:
Vincent Van Gogh (1853 - 1890)
Place des voitures, 1883
Öl auf Holz, 42 x 53 cm
Bez. unten rechts: Vincent
Hahnloser /Jaeggli Stiftung
Villa Flora Winterthur
Henri de Toulouse-Lautrec (1864 - 1901)
Femme rousse, Justine Dieul, 1897
Öl auf Karton, 58,5 x 48 cm
Hahnloser/Jaeggli Stiftung
Villa Flora Winterthur
Edouard Manet (1832 - 1883)
Amazone, 1882
Öl auf Leinwand, 114 x 86 cm
Bez. unten links: Edouard Manet 1882
Privatbesitz
Félix Vallotton (1865 - 1925)
Le chapeau violet, 1907
Öl auf Leinwand, 81 x 65,5 cm
Bez. oben rechts: F. VALLOTTON. 07
Privatbesitz
Pierre Bonnard (1867 - 1947)
Les faunes, um 1905 – 1910
Öl auf Leinwand, 128 x 146 cm
Bez. unten links: Bonnard
Privatbesitz
Félix Vallotton (1865 - 1925)
La Blanche et la Noire. 1913
Öl auf Leinwand, 114 x 147 cm
Bez. unten links: VALLOTTON 13
Hahnloser / Jaeggli Stiftung
Villa Flora Winterthur
Pierre Bonnard (1867 - 1947)
Le débarcadère de Cannes, 1928 – 1934
Öl auf Leinwand, 43 x 56,5 cm
Bez. unten rechts: Bonnard
Hahnloser /Jaeggli Stiftung
Villa Flora Winterthur
Mario Sala (*1965)
Rosa Salon, 2003 – 2009
Digitaler Öldruck, Öl, Wasserfarben, Klebemasse, Epoxyd, Pigmente auf Alublech, 50 x 70 cm
Im Besitz des Künstlers
Design & Programmierung www.b-line.ch