Alice Bailly zu Gast in der Villa Flora

Ausstellung Mai 2006 - Jan. 2007

«Alice Bailly ist unsere modernste Malerin. [...] Das Signum ihres Werkes ist [...] die Moderne. Während die Mehrzahl der Schweizer Maler sich an die Formeln von gestern halten und uns Pasticcios [Nachahmungen] von dem, was man in Paris vor zehn Jahren gemacht hat, als Neuheit präsentieren, offenbart uns Alice Bailly den Geist, der die Gegenwartskunst in ihren avanciertesten und lebendigsten Spielarten beseelt. Sie ist die erste in der Schweiz, die etwas gewagt hat, und – sie ist auch die einzige», schrieb 1913 der Genfer Künstler Alexandre Cingria.

In der Tat zählt Alice Bailly zu den wenigen Schweizer Künstlern, die sich Anfang des vergangenen Jahrhunderts in Paris intensiv mit Fauvismus, Kubismus und Futurismus auseinandergesetzt und Anschluss an die Avantgarde gefunden haben. Den Höhepunkt erreichte ihre Laufbahn am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Ihr Bekenntnis zur Avantgarde, das von Apollinaire begrüsst wurde, hatte sie künstlerisch befreit und ihr Eingang in die kosmopolitischen Kreise um Guillaume Apollinaire und seine Zeitschrift Les Soirées de Paris, um Sonia und Robert Delaunay, Kees van Dongen und viele andere verschafft.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der sie in ihrem Schweizer Ferien–domizil überraschte, musste sie 1914 in der Schweiz bleiben und sich ein neues Netzwerk von Kontakten aufbauen. «Hier in Genf bin ich sehr isoliert und habe von einem meiner Kunst feindlich gesinnten Publikum nichts zu erhoffen», schrieb Bailly bereits im Sommer 1915. An dieser Situation vermochte auch der Freundeskreis nichts zu ändern, den sie um ihr Genfer Atelier La Roulotte versammelt hatte, handelte es sich doch überwiegend um Dichter und weniger um Künstler (die ihre Ansichten nicht teilten). Ein guter Grund für Alice Bailly, die Nähe zu ihren Sammlern und Mäzenen zu suchen und ihre Aufenthalte in Basel, Zürich und Winterthur immer häufiger auszudehnen.

Winterthur, dessen Kunstverein seit 1907 von einem jungen, tatkräftigen Vorstand geleitet wurde, der mit der Planung eines eigenen Museumsgebäudes begann und der modernen, insbesondere der französischen Kunst gegenüber äusserst aufgeschlossen war, wurde für sie zu einem wichtigen Bezugspunkt. Wenige Monate nach der Einweihung des neuen Museums wandte Alice Bailly sich im Herbst 1916 an den Vorstand des Kunstvereins und bekundete ihr Interesse an einer Ausstellung ihrer Werke. In der Folge war sie zwischen 1917 und 1930 an 11 Gruppenausstellungen im Kunstmuseum Winterthur beteiligt. Besonders die Ausstellung vom Frühjahr 1917 mit Werken Schweizerischer Künstlerinnen und jene vom März 1919, bei der sie 26 eigene Arbeiten zeigen konnte, fanden grosse Beachtung und wurden von den Zeitungen kontrovers besprochen.

Alice Bailly hat Arthur und Hedy Hahnloser wahrscheinlich durch deren aktive Rolle im zeitgenössischen Winterthurer Kunstleben – Arthur war Mitglied im Vorstand des Kunstvereins – als Fürsprecher vieler Künstler und als leidenschaftliche Sammler kennengelernt. Auch wenn Baillys Kunst keinen Schwerpunkt der Sammlung Hahnloser darstellt, hat sich zwischen ihr als moderner Künstlerin und dem Sammlerehepaar eine enge Beziehung entwickelt. Alice Bailly zählte zum Hahnloserschen Künstlerfreundeskreis und war von 1918 bis 1920 ein häufiger Gast in der Villa Flora. Davon zeugen nicht nur die 11 Briefe, die Hedy Hahnloser ihr zwischen dem 6. Juli 1918 und dem 13. Oktober 1930 geschrieben hat, sondern auch Bilder Baillys, die von dem Leben in der Villa Flora, insbesondere dem Garten, inspiriert sind. Das Tableau-laine La bergère et son jardin, 1919, stellt Lisa Hahnloser, die Tochter des Hauses, von Ziegen um–geben dar, die damals im Garten gehalten wurden, derweil Le concert dans le jardin, 1920, die Erinnerung an einen wunderschönen sonnigen Nachmittag im Garten der Flora festhält, der sie, wie sie selbst an Hedy Hahnloser schrieb, bezaubert hatte.

Werner Reinhart (1884–1951), den Alice Bailly im Juni 1918 bei Alexandre Cingria in Genf kennenlernte, wurde zur zentralen Figur in ihrem Winterthurer Bekanntenkreis. Bei ihrer ersten Begegnung war es seine Schilderung einer Reise durch Indien und China, die sie faszinierte. Seine Sensibilität zog sie in ihren Bann, und er wurde ihre grosse Liebe. Bis kurz vor ihrem Tod schrieb sie ihm an die hundert Briefe. Obwohl er ihre Liebe nicht erwiderte, war er ihr ein enger Freund und verlässlicher Mäzen, der nicht nur ihr künstlerisches Schaffen förderte, sondern auch ihr Interesse für Literatur und moderne Musik teilte und sie in den Kreis der von ihm gleichfalls unterstützten Musiker und Komponisten einführte, wie Arthur Honegger, Igor Strawinsky und Frank Martin.

Alice Bailly zu Gast in der Villa Flora

Im Anschluss an die umfassende Retrospektive Alice Bailly – La Fête Étrange im Musée cantonal des Beaux-Arts de Lausanne zeigt die Villa Flora eine Werkauswahl, welche die Aufenthalte von Alice Bailly in Winterthur und vor allem in der Villa Flora bei Arthur und Hedy Hahnloser zum Ausgangspunkt nimmt.

Die Ausstellung konzentriert sich primär auf Werke, die im Umfeld der Villa Flora entstanden sind und die Eingang in die Sammlung Hahnloser gefunden haben. Damit können nun Bilder wie La bergère et son jardin, 1919, oder Le concert dans le jardin, 1920, unmittelbar am Ort ihrer Inspiration erfahren werden.

Dieser Hahnlosersche Rahmen der Ausstellung wird durch Werke erweitert, die im Kontext von Alice Baillys Beziehung zu Werner Reinhart entstanden sind und die sowohl sein künstlerisches wie auch sein persönliches Umfeld beleuchten. Dabei handelt es sich unter anderem um Bildnisse und Gemälde, die der Musik, dem Tanz und dem Land–leben gewidmet sind.

Für Baillys eigenen Stil besonders charakteristische Werke – Bilder, in denen sie das Dekonstruktive des Kubismus mit der Bewegungsfreude des Futurismus verbindet – runden die Ausstellung ab.



Gut zu wissen

Seit Ende April 2014 ist in der Villa Flora Winterthur der bisherige Ausstellungsbetrieb vorübergehend eingestellt. Die bedeutenden Werke aus Winterthur werden nun auf einer Tournee in namhaften Museen Europas gezeigt.
Anstelle der Ausstellungen werden zahlreiche Veranstaltungen durchgeführt.
Zudem besteht die Möglichkeit, in der Villa Flora für private und geschäftliche Anlässe Räume zu mieten.
Werden Sie Mitglied des Trägervereins Flora und unterstützen Sie damit das Bestreben zur Wiedereröffnung der Villa Flora!

Plakat «Alice Bailly zu Gast in der Villa Flora» (Mon portrait, 1917, Öl auf Leinwand, 81 x 60 cm)
La Fête étrange (2ème version). Hommage à Alain-Fournier. Les trouvères, 1918, Le concert dans le jardin, 1920, La joie dans la forêt, 1922
Alice Bailly im Garten der Villa Flora, um 1927
La bergère et son jardin, 1919
L'homme au cœur d'or. Portrait de Werner Reinhart, 1920
Le concert dans le jardin, 1920
Alice Bailly, Souvenir du pays, 1924, Entracte (Portrait de Jeanne Baillehache), 1922, Matin frileux au Luxembourg, 1921
Alice Bailly, L'homme au cœur d'or. Portrait de Werner Reinhart, 1920, L'ami Spiess, 1918, Printemps gris, 1917
Design & Programmierung www.b-line.ch