Odilon Redon - Mythos und Traum

Ausstellung vom April 2003 bis März 2004

[ English Version ]

Vom 11. April 2003 bis 7. März 2004 wird in der Villa Flora Winterthur die Ausstellung «Odilon Redon – Mythos und Traum» gezeigt. Sie gibt einen Ueberblick über Redons vielgestaltiges Oeuvre, angefangen mit den frühen, noch romantisch geprägten Zeichnungen über die bedeutende Schwarz-Weiss-Graphik der mittleren Schaffensperiode bis zu dem kurz vor der Jahrhundertwende einsetzenden farbigen Spätwerk, das in der Sammlung Arthur und Hedy Hahnloser in besonderem Masse vertreten ist. Bereichert wird die Ausstellung durch wichtige Leihgaben aus Schweizer Privat- und Museumsbesitz, insbesondere aus den Kunstmuseen Basel, St. Gallen, Winterthur und Zürich.

Odilon Redon, 1840 in Bordeaux geboren, gehörte der Generation der Impressionisten an, seine Auffassung von Kunst unterschied sich jedoch von Anfang an grundsätzlich von der ihrigen. Statt eines Abbildes der sichtbaren Wirklichkeit wollte er – ähnlich wie sein Dichterfreund Stephane Mallarmé – mit seinen Werken eine «Tür auf das Geheimnis öffnen».
Im Kreis seiner avantgardistischen Symbolistenfreunde galt er als «Le Prince du Rêve», was seine eigene Einschätzung widerspiegelte, bezog er sich doch immer wieder auf den Traum als Quelle seiner Phantasie. Aus dem Unbehagen an der nur optischen Wahrnehmung und in Reaktion auf die Vorherrschaft der Ratio suchte er nach erweiterten Erfahrungsmöglichkeiten, in denen sich das Bewusste und das Unbewusste durchdringen.

In der Sammlung Arthur und Hedy Hahnloser-Bühler nimmt Redon mit seinen Bildern, Aquarellen, Zeichnungen und Graphiken einen bedeutenden Platz ein. Die Gruppe der frühen Zeichnungen ist von besonderem Interesse, da viele Werke Redons aus dieser Zeit verloren gegangen sind. Sie gewähren einen spannenden Einblick in seine künstlerische Entwicklung. In ihnen setzt sich Redon in vielfältiger Weise mit der Landschaft seiner Kindheit auseinander. Er war als kleines Kind nach Peyrelebade (Médoc) geschickt worden, wo sein Vater ein Landgut besass, auf dem er die ersten zehn Jahre seines Lebens in der Obhut eines Onkels verbrachte. Der kränkliche Junge fühlte sich einsam und von der Familie verlassen. Die frühen Arbeiten spiegeln seine persönlichen Stimmungen und Gefühle in kargen Landschaften und in schwermütigen, meditativen Gestalten, mit denen er sich oft persönlich identifizierte.

In seiner zweiten Schaffensperiode, der Zeit von ca. 1875 bis 1890, findet Redon endgültig zu seiner eigenen Sprache, in der er auch seine wichtigsten Motive entwickelt. Er bringt seine dämonischen Gestalten und unheimlichen Visionen fast ausschliesslich im Schwarz-Weiss von Kohlezeichnungen und Lithographien zum Ausdruck. Frei in der Luft schwebende Köpfe und isolierte Augen (wie in «L'Oeil, comme un ballon bizarre se dirige vers l'infini») oder bizarre Zwitterwesen (wie «La Fleur du marécage») bevölkern die dunklen Blätter. Durch die Koppelung von nicht zusammengehörigen, scheinbar unvereinbaren Elementen erzeugt Redon eine Atmosphäre, die der Betrachter mehr assoziativ als rational erfassen kann. Viele dieser phantastischen Wesen stehen im Zusammenhang mit den naturwissenschaftlichen Entdeckungen seiner Zeit, insbesondere mit der Evolutionstheorie Darwins. Seine Kenntnisse auf diesem Gebiet ermöglichen ihm, den irreal anmutenden Traumgestalten die Illusion realen Lebens zu vermitteln. Unwahrscheinliche Wesen lässt Redon nach den Gesetzen des Wahrscheinlichen erstehen, indem er, wie er selbst sagt, «die Logik des Sichtbaren soweit wie möglich in den Dienst des Unsichtbaren» stellt. Auf der Suche nach neuen Ausdrucksmitteln begegnet er in den revolutionären Vorstellungen der Naturwissenschaften einem Bilderschatz, der seinem Verlangen nach Ursprünglichem und Unverbrauchtem entgegenkommt. Das befähigt ihn, das Weltbild seiner Zeit in einer neuen, modernen Sprache zu reflektieren.

Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts gelingt ihm der Durchbruch zur Farbe, die er bis an sein Lebensende 1916 zu immer reicherer Entfaltung führt. Seine bevorzugten Themen sind von nun an Blumen, Frauengesichter, Schiffe und mythologische Szenen, die den Betrachter durch ihre magische Leuchtkraft verzaubern. Indem Redon die traditionelle Ikonographie mit seinen modernen Vorstellungen von der Entwicklung des Menschen verbindet, beispielsweise in dem Bild des Meeresgottes «Oannès», lässt er die antiken Mythen in einem neuen Licht erscheinen. Seine Darstellungen, die sich auf dem schmalen Grat zwischen Wirklichkeitsschilderung und Steigerung ins Phantastische bewegen, bewahren dabei meist ihre rätselhafte Mehrdeutigkeit.

Ursula Perucchi-Petri



Gut zu wissen

Seit Ende April 2014 ist in der Villa Flora Winterthur der bisherige Ausstellungsbetrieb vorübergehend eingestellt. Die bedeutenden Werke aus Winterthur werden nun auf einer Tournee in namhaften Museen Europas gezeigt.
Anstelle der Ausstellungen werden zahlreiche Veranstaltungen durchgeführt.
Zudem besteht die Möglichkeit, in der Villa Flora für private und geschäftliche Anlässe Räume zu mieten.
Werden Sie Mitglied des Trägervereins Flora und unterstützen Sie damit das Bestreben zur Wiedereröffnung der Villa Flora!

Odilon Redon - Andromède
Odilon Redon:
Andromède (1907)
Odilon Redon - Le bateau rouge
Odilon Redon:
Le bateau rouge (1912)
Odilon Redon - L'Arbre
Odilon Redon:
L'Arbre (1875)
Odilon Redon - Ceval cabreé
Odilon Redon:
Cheval cabreé (1910/12)
Design & Programmierung www.b-line.ch